Proximate und ultimate Ursachen – Definition, Unterschiede und Beispiele

verstehen: Entdecke die Gründe für Verhaltensweisen in der Verhaltensforschung. Proximate Ursachen sind unmittelbare Auslöser, während ultimate Ursachen evolutionsbiologisch begründet sind. Erfahre, wie diese Konzepte das Verhalten von Lebewesen erklären. Dies und vieles mehr findest du im folgenden Text.

Inhaltsverzeichnis zum Thema Proximate und ultimate Ursachen

Proximate und ultimate Ursachen im Überblick

  • Das Verhalten von Lebewesen kann unterschiedliche Ursachen haben.
  • In der Verhaltensforschung wird zwischen proximaten und ultimaten Ursachen unterschieden.
  • Proximate Ursachen sind Gründe, die unmittelbar für das Verhalten verantwortlich sind. Dazu gehören physiologische, chemische und psychische Ursachen ebenso wie äußere Reize.

  • Ultimate Ursachen sind grundlegende evolutionsbiologische Ursachen. Sie können mit evolutionären Vorteilen, wie der Erhaltung der Art und der Weitergabe von Genen, verknüpft werden.
  • Vielen Verhaltensweisen, wie dem Zwitschern von Vögeln und dem Röhren von Hirschen, liegen sowohl proximate als auch ultimate Ursachen zugrunde.
Proximate und ultimate Ursachen: Lernvideo

Quelle sofatutor.com

Verhaltensforschung

In der Verhaltensforschung wird das Verhalten von Menschen und Tieren wissenschaftlich untersucht, um unter anderem die Gründe für bestimmte Verhaltensweisen und -muster herauszufinden. Proximate und ultimate Ursachen sind zwei Ansätze, um das Verhalten von Lebewesen zu erklären. 

Die vier grundlegenden Fragestellungen in der Verhaltensforschung sind, welche physiologischen Vorgänge einer Verhaltensweise zugrunde liegen, wie sich Verhalten im Laufe des individuellen Lebens verändert, wozu einzelne Verhaltensweisen dem Individuum nützlich sind und wie es dazu kam, dass sich ein bestimmtes Verhalten im Laufe der Stammesgeschichte entwickelt hat.

Proximate Ursachen – Definition

Proximate Ursachen für ein bestimmtes Verhalten sind unmittelbare Gründe. Sie wirken in genau einer bestimmten Situation. Proximate Ursachen sind alle inneren Bedingungen, die ein Verhalten beeinflussen, aber auch äußere Auslöser, wie Schlüsselreize oder soziale Bedingungen. In der Tabelle sind mögliche proximate Ursachen zusammengefasst.

Proximate Ursachen
von innen von außen
  • Physiologische, chemische oder psychische Ursachen (Hormone, Hunger, Müdigkeit, Schmerz etc.)
  • Schlüsselreize (Temperatur, Tag/Nacht etc.)
  • Soziale Bedingungen (Verhalten von Artgenossen etc.)

Proximate Ursachen lassen sich in Experimenten meistens gut nachweisen, indem beispielsweise Körperparameter gemessen werden. 

Proximate Ursachen können von der individuellen Entwicklung des Lebewesens abhängig sein. Die Reaktion auf einen Schlüsselreiz kann durch Erfahrungen und bereits Gelerntes beeinflusst werden. 

Um proximate Verhaltensursachen zu verstehen, stellt man sich die Frage „Wie?“. Folgende Fragen der vier grundlegenden Fragen der Verhaltensforschung betreffen die proximaten Ursachen:

  • Wie funktioniert Verhalten auf verschiedenen Ebenen (chemisch, physiologisch, psychisch, sozial)? Was verursacht ein bestimmtes Verhalten?
  • Wie entwickelt sich Verhalten bzw. wie verändert sich Verhalten im Verlauf des individuellen Lebens? Welche Einflüsse wirken auf das Individuum ein?

Proximate Ursachen werden auch als aktuelle Ursachen oder Wirkursachen bezeichnet.

Ultimate Ursachen – Definition

Ultimative Ursachen sind evolutionsbiologisch begründet. Sie sind nützlich für den Erhalt der Gruppe der Verwandten oder sogar der ganzen Art. Ultimate Ursachen erhöhen die Fitness, also die Fähigkeit, sich fortzupflanzen, von Lebewesen und dienen somit der Weitergabe des eigenen Erbguts. Es sind meist angeborene Verhaltensmuster, die auch Zweckursachen genannt werden, da sie oftmals einen evolutionsbiologischen Vorteil bringen. Ultimate Ursachen sind in Experimenten kaum zu überprüfen. 

Der Nutzen eines bestimmten Verhaltens für ein Individuum wird als Anpassungswert bezeichnet. Um ultimate Ursachen für das Verhalten eines Lebewesens zu verstehen, hilft es, nach dem Anpassungswert dieser Verhaltensweise für das Individuum zu fragen. 

Um herauszufinden, welche ultimaten Verhaltensursachen vorliegen, stellt man sich die Frage „Wozu?“. Die folgenden Fragen der vier grundlegenden Fragen der Verhaltensforschung betreffen die ultimativen Ursachen:

  • Wozu dienen die Verhaltensweisen dem Individuum?
  • Welche Mechanismen führten dazu, dass sich ein bestimmtes Verhalten im Laufe der Stammesgeschichte entwickelt hat?

Proximate und ultimate Ursachen – Beispiele

Das Singen und Zwitschern von Vögeln in den frühen Morgenstunden ist eine Verhaltensweise, die bereits gut untersucht wurde. Es wurde herausgefunden, dass die proximate Ursache für dieses Verhalten eine Veränderung des Hormonspiegels der Vögel ist. Der Hormonspiegel wird durch die länger werdenden Tage im Frühling beeinflusst. Die Tageslänge ist somit ein entscheidender Umweltreiz, der das Verhalten beeinflusst. Somit sind die Fragen nach dem „Wie?“ und demnach die proximaten Ursachen geklärt. 

Doch was sind die ultimaten Ursachen für dieses Verhalten? Wie lässt es sich evolutionsbiologisch erklären? Das Singen der Vögel, ausgelöst durch eine Änderung des Hormonspiegels, geschieht nicht grundlos. Das Ziel ist es, Weibchen anzulocken. Somit dient der Gesang dazu, die Chancen auf Paarung und damit die Weitergabe der eigenen Gene zu erhöhen. Dies ist die ultimate Ursache des Singens und Zwitscherns. 

In der Abbildung sind die Einteilung in proximate und ultimate Ursachen und die Folgen für das Individuum und die gesamte Population am Beispiel des Singvogels dargestellt.

Proximate und ultimate Ursachen, Beispiel Singvogel

Ein ähnliches Beispiel wie das der Singvögel ist das Röhren von Rothirschen. Durch das Röhren werden zum einen Weibchen angelockt, zum anderen werden potenzielle Konkurrenten, also andere männliche Rothirsche, gewarnt und eingeschüchtert. Die proximate Ursache für dieses Verhalten ist ebenfalls eine Veränderung des Hormonspiegels während der Paarungszeit. Die ultimate Ursache ist die Fortpflanzung und somit die Weitergabe der eigenen Gene.

Das Flüchten von Beutetieren vor jagenden Tieren lässt sich ebenfalls anhand von proximaten und ultimaten Ursachen erklären. Die proximate, also unmittelbare, Ursache für die Fluchtreaktion einer Maus ist beispielsweise das Erscheinen einer Katze. Mithilfe ihrer Sinne nimmt die Maus die Gefahr in ihrer Umwelt wahr – das darauffolgende Verhalten ist die Flucht. Die ultimate Ursache, also der biologische Zweck, für dieses Verhalten ist jedoch ein Verhaltensmuster (Flucht bei Gefahr), das sich im Laufe der Evolution bei Mäusen entwickelt hat, um die Überlebenschancen und somit auch die Reproduktionschancen zu erhöhen.

Häufig gestellte Fragen zum Thema Proximate und ultimate Ursachen

Proximate und ultimate Ursachen sind in der Biologie zwei unterschiedliche Erklärungsansätze für das Verhalten von Lebewesen. Proximate Ursachen sind unmittelbare Gründe für ein Verhalten, wohingegen ultimate Ursachen evolutionsbiologisch begründet sind.

Proximate und ultimate Ursachen dienen dazu, Verhaltensweisen zu erklären.
Proximate Ursachen beschreiben die unmittelbaren Gründe für ein Verhalten. Das kann zum Beispiel eine Veränderung des Hormonspiegels sein. Proximate Ursachen werden durch einen Schlüsselreiz ausgelöst, beispielsweise durch länger werdende Tage, und sind in Experimenten überprüfbar.
Ultimate Ursachen sind im Laufe der Evolution entstanden. Sie zeigen die evolutionsbiologischen Zusammenhänge und Begründungen für ein Verhalten auf. Ultimate Ursachen sind zum Beispiel der Zweck, die Art zu erhalten oder die eigenen Gene weiterzugeben. Sie lassen sich kaum in Experimenten nachweisen.

Ultimate Einflüsse sind evolutionsbiologisch bedingt. Sie dienen dem Erhalt der Art sowie der Weitergabe der eigenen Gene.

Proximate Ursachen sind unmittelbare Ursachen, wie beispielsweise Veränderungen des Hormonspiegels oder des Stoffwechsels. Auch äußere Schlüsselreize, wie das Wahrnehmen von Beutetieren oder die Tageslänge, gehören zu den proximaten Ursachen.

Die proximate Ursache für das weiße Fell von Eisbären ist, dass es keine Farbpartikel besitzt. Die ultimate Ursache ist, dass der Eisbär durch das weiße Fell in seinem natürlichen Lebensraum besser getarnt ist. Dadurch kann er erfolgreicher jagen und steigert seine Überlebenschancen.
Das weiße Fell von Eisbären ist jedoch keine Verhaltensweise, sondern lediglich ein äußeres Merkmal, weshalb diese Fragestellung nicht zum Bereich der Verhaltensbiologie zählt.

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